Online-Dokumentation zur Konferenz „Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt?“ vom 12. Februar 2015

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Die meisten Deutschen wünschen sich, dass Unternehmen demokratischer geführt werden. Doch was eigentlich bedeutet Demokratie in der Wirtschaft? Wie sieht die Realität aus und wo geht die Entwicklung hin? Rund 500 hochrangige Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und der Medienwelt sind am 12. Februar 2015 im Audimax der Technischen Universität München zusammen gekommen, um sich über einen der neuesten und relevantesten Trends zu informieren und auszutauschen, der gerade die deutschen Managementetagen erreicht: Die Demokratisierung von Unternehmen.

Das neue Zukunftsthema werde die Gesellschaft durchdringen und beschäftigten, prognostizierte TUM-Präsident Prof. Dr. Wolfgang Herrmann. Und es werde zu Kontroversen führen. Auf der internationalen Konferenz „Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt?“ stand es hierzulande erstmals in breitem Rahmen zur Diskussion. Vor dem Hintergrund des aktuellen Umbruchs von Gesellschaft und Wirtschaft liegt es nach Überzeugung der drei Initiatoren der Veranstaltung geradezu auf der Hand. Prof. Dr. Isabell Welpe, Professorin für Strategie und Organisation an der TU München, PD Dr. Andreas Boes, Vorstand des ISF München, und Thomas Sattelberger, Vorsitzender der HR Alliance e.V. und ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom AG, haben aus betriebswirtschaftlicher und soziologischer Sicht und unter dem Blickwinkel von Personalpolitik Ursachen, Potenziale und Grenzen der aktuellen Entwicklung analysiert und neue Forschungsergebnisse präsentiert.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles ordnete das Konferenzthema in ihrer Keynote in den politischen Zusammenhang ein und nahm vor allem die künftige Rolle der institutionalisierten Mitbestimmung, neue Beteiligungsformen im Netz und geeignete Wege zu mehr Flexibilisierung in den Fokus. Dass die heutigen Demokratisierungstendenzen auf eine teils lange Tradition bis in frühe Phasen der Industrialisierung und Arbeiterbewegung zurück gehen, erläuterte Prof. Dr. Klaus Dörre, Soziologe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, in seinem historischen Überblick. Welche Gestaltungsmöglichkeiten es im demokratischen, diversen und digitalen Unternehmen der Zukunft gibt und wie Demokratie schon jetzt in Unternehmen gelebt wird, zeigten zwei hochkarätig besetzte Diskussionsrunden. Einen Blick auf die neuen Führungsstrategien in den Vereinigten Staaten gewährten die Beiträge der renommierten US-Wissenschaftler Prof. Dr. Tom Malone, Managementfachmann am Massachusetts Institute of Technology, und Prof. Dr. em. Shoshana Zuboff vom Berkman Center for Internet and Society der Harvard Business School.

Neue Führungskulturen, die Zukunft der Mitbestimmung, die Rolle der digitalen Revolution, Wege zum Empowerment von Beschäftigten, Flexibilisierung von Arbeit und die Vereinbarkeit von neuen Partizipationsformen mit wirtschaftlichen Zielen: Dies waren unter anderem die Themen, die auf der Konferenz zur Sprache kamen. Die positive Resonanz der Teilnehmer und das große Echo in den Medien zeigen, dass der Funke, den diese Tagung geschlagen hat, in die Öffentlichkeit übergesprungen ist. Ausgewählte Teile der Veranstaltung haben wir für Sie aufbereitet.

Konferenzprogramm (PDF)
Pressemitteilung (deutsch)
Pressemitteilung (englisch)
Ausgewählte Presseartikel

Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt

Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales
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„Demokratie fängt dort an, wo die Beschäftigten als Bürger im Betrieb ernst genommen werden.“

In ihrer Keynote unterstreicht Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles die lange und vorbildliche Tradition betrieblicher Mitbestimmung in Deutschland, die Bedeutung der Digitalisierung für die Arbeitswelt und die Notwendigkeit eines „Flexibilitätskompromisses“. Wie Mitbestimmung auch in Zeiten von Internetarbeit gewährleistet werden kann, welche Rechtsordnung hier zum Tragen kommt und wo die Grenzen der Verantwortung von Arbeitgebern und Führungskräften liegen, sind in den Augen der SPD-Politikerin unter anderem die Fragen, die in einen gesamtgesellschaftlichen Dialog einfließen sollten.

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Demokratisierung der Arbeitswelt. Historischer Rückblick und aktuelle Herausforderungen

Prof. Dr. Klaus Dörre, Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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„Das demokratische Unternehmen hat nur dann eine Chance, wenn es auf robusten, krisenfesten und transparenten Kompromissen gegründet wird.“

Für Klaus Dörre drängt die Entwicklung moderner Produktivkräfte zur Demokratisierung von Unternehmensentscheidungen. In seinem Vortrag zeichnet der Arbeits-, Industrie-und Wirtschaftssoziologe die historische Entwicklung nach: von den Traditionen demokratischer Institutionen in frühindustrialisierten Ländern über die Demokratisierungsimpulse, die von der Arbeiterbewegung und von Unternehmen, die schon im frühen 20. Jahrhundert auf Beteiligung setzten, ausgingen, bis hin zu modernen Beispielen für eine demokratische Unternehmenskultur. Und er definiert die entscheidenden Schritte auf dem Weg dorthin.

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Wir beziehen Position: Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt?

Positionierungsrunde mit:
PD Dr. Andreas Boes, Prof. Dr. Isabell Welpe, Thomas Sattelberger

Das Unternehmen der Zukunft in der digitalen Gesellschaft

PD Dr. Andreas Boes, Vorstand des ISF München
Andreas Boes
„Entweder verhelfen mehr Beteiligung und Empowerment dem demokratischen Unternehmen zum Durchbruch oder diejenigen, die die Daten besitzen, übernehmen die Herrschaft“.

Auf der Basis der Digitalisierung erfinden sich deutsche Unternehmen neu. In diesem Kontext gewinnt auch das Thema „demokratisches Unternehmen“ neue Bedeutung. In seinem Statement präsentiert Andreas Boes die Ergebnisse von 14 Fallstudien der aktuellen Projekte „WING“ und digit-DL“. Sie zeigen: Die fortschreitende Digitalisierung führt nicht automatisch zu mehr Beteiligung und Empowerment, sondern oft auch zur Stärkung des Prinzips „Steuern nach Zahlen“ und einem Gefühl von Austauschbarkeit. Echte Demokratisierung oder Kontrollpanoptikum? Beide könnten sich in der Arbeitswelt von morgen durchsetzen.

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Blick der Managementforschung

Prof. Dr. Isabell Welpe, Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der TU München und Direktorin des Bayrischen Instituts für Hochschulforschung
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„Technischer Wandel alleine, der nicht unterstützt wird von sozialem und organisatorischen Wandel, kann nicht funktionieren.“

Zwei Drittel der Deutschen würden sich demokratischere Strukturen in Unternehmen wünschen, insbesondere würden Sie gerne bei der Mitbestimmung der Strategie und der Auswahl ihrer Führungskräfte mitreden. Die Betriebswirtin präsentiert in ihrem Beitrag die Ergebnisse ihrer jüngsten Umfragen zum Thema „demokratisches Unternehmen“, definiert, was sich hinter dem Begriff „organisationaler Demokratie“ verbirgt, erklärt anhand von Praxisbeispielen, wie Unternehmen demokratische Prinzipien bereits umsetzen, und benennt die noch offenen Forschungsfragen.

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Demokratie ist eine Option. Für einen Systemwettbewerb von Unternehmenstypen

Thomas Sattelberger, Vorsitzender der HR Alliance e.V. und ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom AG
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„Unternehmensentwicklung wird zum Systemwettbewerb. Demokratie ist eine Option.“

Für Thomas Sattelberger sind neue Technologie- und Arbeitswelten Zwillinge. In seiner Stellungnahme skizziert der Personalexperte die unterschiedlichen Debatten-Richtungen zum „Demokratischen Unternehmen“, beschreibt die sozialen und technologischen Trends, die auf die Arbeitswelt einwirken, erklärt, warum die deutsche Wirtschaft sich in einem Sandwich zwischen dem Maschinenhaus China und dem Digitalhaus USA befindet und beschreibt die Unternehmenstypen und Veränderungsstrategien, die nach seiner Meinung die Arbeitswelt von morgen bestimmen könnten.

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Zum Video der kompletten Positionierungsrunde

Demokratisch, digital und divers: Das Unternehmen der Zukunft

Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion mit:

Christiane Benner, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall:
„Demokratie in Unternehmen wird nicht ohne verbriefte Rechte für den Einzelnen funktionieren.“

Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München e.G.:
„In der jetzigen Zeit können wir ohne kollektive Intelligenz die Herausforderungen und Probleme, die wir haben und die wir haben werden, nicht mehr lösen.“

Ines Pohl, Chefredakteurin der taz:
„Es ist extrem wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass Beteiligung auch anstrengt und das System überfordern kann.“

Dieter Schweer, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI – Bundesverband der Deutschen Industrie e.V.:
„Die Macht der Verbraucher war noch nie so groß wie heute, wenn sie das Internet richtig nutzen. Die Macht der Mitarbeiter könnte genauso so groß werden, wenn auch sie es richtig nutzen.“

Unter der Moderation von Andreas Boes diskutieren Christiane Benner, Helmut Lind, Ines Pohl und Dieter Schweer über die Gestaltungsmöglichkeiten des (demokratischen) Unternehmens der Zukunft. Wie weit gehen die demokratischen Rechte der Beschäftigten wirklich und wie kann man ihr kreatives Potenzial nutzen? Wie kann man ihre Beteiligungsrechte in der digitalen Gesellschaft stärken? Wie stellt man „Augenhöhe“ zwischen Mitarbeitern und Führungskräften her? Dies sind unter anderem die Fragen, die in der Runde durchaus kontrovers besprochen werden. Klar scheint, dass der Mitbestimmungsrahmen sich ändern muss und das Management lernen sollte, wie man Kontrolle abgeben kann.

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